Theologische Orientierungen

Hier gibt es ein Spannungsfeld zwischen theologischer Weite und theologischem Minimalkonsens, zwischen notwendigen Mindeststandards und persönlichen Präferenzen von mir. Einerseits suche ich ja hier eine Gemeinschaft, in der ich mich persönlich wohlfühlen würde, andererseits möchte ich als Initiator nicht die Spiritualität vorgeben.

selbstbestimmt und weit: Christ ist, wer sich Christ nennt und für wen Jesus Christus eine wesentliche Bedeutung hat. Das ist mal eine sehr weitere Definition für den christlichen Teil.

vernünftig statt dogmatisch: Wir brauchen die Vernunft nicht am Kirchentor abgeben, sondern sie kann den Glauben vertiefen und stärken. Dabei geht es um einen kritisch-durchdachten Zugang zum Glauben, der nicht vorgegebene Lehrsätze für wahr halten muss, sondern individuellen Glaubenszeugnissen, die der eigenen Prüfung standhalten. Oder auch offene Fragen oder noch nicht beantwortete Lücken.
Ein wesentlicher Bestandteil davon ist der wissenschaftlich akzeptiertem Zugang zur Bibel und den Texten der Tradition (v.a. historisch-kritisch, d.h. Gottes Wort in Menschenwort und keine Verbalinspiration).

deskriptiv statt präskriptiv: In der Geschichte des Christentums gibt es eine Vielfalt an Ausprägungen auf konfessioneller Ebene oder bei einzelnen Glaubensfragen. Wir versuchen diese Vielfalt auch sichtbar zu machen als Markt der Möglichkeiten z.B. ist Jesus Christus ein Lehrer, ein Wanderprediger, ein Erleuchteter, Gottes Sohn, Gott (gleichwertig/untergeordnet zu Gott Vater)? Das ist jeweils eine ganz individuelle Entscheidung.

authentisch statt idealisierend: Es geht nicht um eine Idealisierung des christlichen Glaubens oder der Lebenslegenden einiger „Heiliger“, sondern um das konkrete authentische Leben mit dem verborgen gegenwärtigen Gott, mit allen Umwegen, Sackgassen, Schluchten, so wie es wirklich ist.

positives Gottesbild oder Unbeschreibbarkeit statt krankmachendes Gottesbild: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen“ (2.Mose 20,4). Es ist unmöglich das Unbeschreibbare zu umschreiben und gleichzeitig helfen Bilder, um in einen persönlichen Kontakt zu kommen. Wenn wir Bilder verwenden, dann bitte psychisch positive Bilder wie z.B. Abba als bedingungslos liebender mütterlicher Vatergott statt ambivalente oder krankmachende Bilder z.B. von einem strafenden Gott, der alle sieht. Jenseits der positiven Bilder gibt es noch Nicht-Beschreibungen, gemäß der Annahme, dass nur negative Beschreibungen einen Hinweis geben können (negative Theologie).

Liebes-Religion statt Gebots-Religion: Als Jesus gefragt wurde, was das höchste Gebot sei, antwortete er mit dem dreifachen „Gebot“ der Gottesliebe, Nächsten- und Selbstliebe (vgl. Mk 12,22ff.). Und das erscheint wieder als Paradox, weil es als „Gebot“ formuliert ist. Viele religiöse Menschen praktizieren ihren Glauben als ein Befolgen von Geboten. Für mich geht es um ein Praktizieren der Liebe und die Gebote sind maximal Orientierungen. „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ (Mk 2,27)

Begegnungs-Religion statt Weltanschauung: Christ begegnen Gott regelmäßig in ihrem Alltag. Er ist verborgen gegenwärtig und ich kann alles mit ihm/ihr teilen, er/sie blickt in die Tiefe meiner Seele und ich lebe mit Gott. Ich rede und höre zu, erfahre Weisheit und Anregungen, begegne seiner/ihrer bedingungslosen Liebe. Christsein ist keine Weltanschauung konservativer gutbürgerlicher Menschen, die sagen, was „falsch“ und „richtig“ ist.

mystisch statt theoretisch/nur gedanklich: „Der Fromme von morgen wird ein „Mystiker“ sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein“ (Karl Rahner). Eine Übersetzung von Lk 20,21 ist: „Das Königreicht Gottes ist inwendig in euch.“ In dieser Vorstellung ist Gott nicht jenseits dieser Welt, sondern verborgen gegenwärtig in unserer Seele oder im Herzen. Und Mystik heißt hier, diesem Gott zu begegnen, Erfahrungen mit ihm/ihr zu machen, in einer lebendigen Beziehung zu leben. Es geht nicht um die Glaubens-Theorie oder eine Weltanschauung, sondern gelebte Praxis.

demütig&dankbar statt überheblich&anspruchsvoll: Einerseits sind wir geliebte Kinder Gottes, andererseits haben wir alle unsere Schwächen und Schattenseiten. Und wenn wir liebevoll auf unsere Fehler schauen und erkennen, dass unser Radius begrenzt, wir unendlich lange lernen könnten, dann ist eine „christliche“ Grundhaltung, die ich persönlich sehr sympathisch finde. Dazu noch die Dankbarkeit für all das Viele, was wir in unserem Leben schon (geschenkt bekommen) haben, dann ist schon viel persönliches Glück möglich. Auf der andere Seite ist der überhebliche Pharisäer-Christ, der sich als „besser“ als andere sieht und seine Ansprüche verwirklicht sehen möchte.

Dem Ideal der aktiven Gewaltfreiheit und Feindesliebe folgend: Die aktive Gewaltfreiheit basiert auf dem grundlegenden Glaube an das „Gute“ im Menschen und die Bereitschaft dafür auch persönlich zu „leiden/verzichten“, wenn man sich gegen das Unrecht einsetzt. Diese Haltung und deren Methoden sind begrenzt alltagstauglich, aber gehören mehr mitgedacht und ausprobiert.